Um den Morgenthau-Plan ranken sich viele Legenden und viele davon sind falsch.

Zu diesen Legenden gehört beispielsweise die Überzeugung, der Plan wäre um ein Haar wirklich umgesetzt worden. Tatsächlich waren die Reaktionen auf den Vorschlag so ablehnend, dass eine Detailplanung erst gar nicht durchgeführt wurde. 

Genauso falsch ist allerdings die Behauptung, dass der Plan nur eine Erfindung der NS-Propaganda sei.

Mythen und Legenden

Auch gehörte zu dem Plan nicht - wie manchmal behauptet - die Sterilisation der deutschen Bevölkerung. Diesen Vorschlag macht der Theodore Newman Kaufman in seiner Broschüre "Germany must perish", nachdem er zuvor schon die Amerikaner sterilisieren wollte. Das Heft erschien im Selbstverlag und der Plan dürfte den meisten Amerikanern ebenso wenig bekannt sein wie den Engländern das angebliche Churchill-Sprichwort "Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe". Beide sind fast nur in Deutschland bekannt - dank der NS-Propaganda.

 

Quelle: Wikipedia

Henry Morgenthau junior. Quelle: Wikipedia

Wahr ist allerdings, dass es den Morgenthau-Plan gab und dass er sogar von ganz offizieller Stelle kam. Er wurde im August 1944 im US-Finanzministerium erstellt und durch eine Indiskretion am 21. September 1944 in den USA veröffentlicht. US-Präsident Franklin Delano Roosevelt verwarf den Entwurf nach einigen Wochen; er gelangte nie in ein konkretes Planungsstadium und war nie zur politischen Realisierung vorgesehen.

Viel zu ablehend war die Haltung der amerikansichen Bevölkerung. Angesichts der Kriegsverbrechen Deutschlands und der Massenmorde des Regims war die Haltung der Amerikaner sogar erstaunlich milde. Im Außenministerium lehnte man sogar eine Teilung des Landes, wie auf der Konferenz von Teheran vereinbart, ab und im Kriegsministerium wollte man eine längere Besatzung vermeiden.

Das Kriegsministerium hieß übrigens wirklich so (United States Department of War). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es 1947 mit dem Marineministerium zum Verteidigungsministerium zusammen gelegt. 

Das "Handbuch für die Militärregierung in Deutschland" sah sogar vor, dass Deutschland einen Großteil seiner Industrie behalten und bald wieder aufgebaut werden sollte. Die Tatsache, dass das Buch in mehreren Auflagen erschien zeigt, dass das keineswegs eine Minderheitenmeinung war. Selbst General Dwight David Eisenhower hatte das Buch abgesegnet. Der Morgenthau-Plan hatte also nie wirklich Chancen auf eine Verwirklichung.

Morgenthaus Plan

Im Gegensatz zum Kaufman-Plan stand dahinter allerdings kein Spinner. Es war der amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau junior, der das Handbuch nach eigenen Aussagen auf einer Reise nach Großbritanien las und unzufrieden mit der zu weichen Haltung der Alliierten war.

So lies er in seinem Ministerium einen eigenen Plan ausarbeiten. Auf den Seiten des Marist College lässt sich ein Memorandum Morgenthaus lesen. Es besteht aus fünf Seiten, die jeweils nächste Seite lässt sich über ein Textfeld am unteren Ende des Dokuments aufrufen. Wer möchte kann auch ein Scan des Originals ansehen.

Eine explizite Umwandung Deutschlands in einen Agrarstaat findet man darin übrigens nicht. Es wird lediglich im ersten Punkt (Demilitarisierung) geschrieben, dass Deutschland nicht mehr in der Lage sein soll, aufzurüsten und daher auch die entsprechende Industrie zu verbieten sei. Lediglich in Punkt 4 zum Ruhrgebiet wird explizit ein Abbau der Industrie beschrieben. 

Die wichtigsten Punkte des Planes sind in dem Memorandum (in der deutschen Wikipedia findet sich übrigens eine Aufzählung von ebenfalls 14 Punkten, die der imMemorandum ähnelt, an zwei Punkten jedoch abweicht. Dort ist der Punkt 2 auf zwei Punkte aufgeteilt, der Punkt 14 :

  • Demilitarisierung, dazu gehört auch die Auflösung der Schwerindustrie (Punkt 1),
  • Neuordnung, Gebietsabtretung an Frankreich, Polen und die UdSSR sowie Teilung in einen Nord- und einen Südstaat (Punkt 2),
  • Umwandlung des Ruhrgebiets, des Nord-Ostsee-Kanals und der nördlich davon liegenden Gebiete in eine internationale Zone (Punkt 3).

Ablehnende Amerikaner

Der Plan entfachte jedoch in den USA einen Sturm der Empörung. Der Hungertod tausender Deutscher wurde befürchtet. Von Präsident Roosevelt ist zwar überliefert, er soll auf die Frage, ob er wolle das die Deutschen verhungern gesagt haben "Warum nicht?", doch unzweifelhaft war die Ablehnung des Plans durch die Amerikaner sehr einhellig. Auch der ehemalige Präsident Herbert Hoover sprach sich gegen den Plan aus und Kriegsminister Stimson befürchtete, der Plan könne sogar die Saat zu einem erneuten Krieg legen.

Kaufman wollte die deutsche Bevölkerung sterilisieren und das Land neu verteilen. Mit dem Morgenthau-Plan hatte das nichts zu tun. Und wirklich ernst genommen hat das im Selbstverlag erschienen Buch in den USA kaum jemand. Bild: Wikipedia

So kam es, dass der Plan nie ernsthaft diskutiert wurde. Dabei wäre die Umsetzung des Plans in mindestens einem Punkt sogar wünschenswert gewesen. Denn dort war eine weitaus strengere Entnazifizierung vorgesehen. Tatsächlich machten bekanntlich viele ehemalige Nazis in der späteren Bundesrepublik relativ unbehelligt Karriere.

Goebbels Propaganda

Seine Bekanntheit verdankt der Plan unter anderem auch der deutschen Propaganda. Das gilt vor allem für Kaufmans Sterilisierungspläne, die heute ansonsten wohl kaum jemand kennen dürfte.Mit Morgenthaus Plan sieht es zwar etwas anders aus. Immerhin wurde er in einem Ministerium erdacht und zumindest kurze Zeit tatsächlich diskutiert. Allerdings wäre auch seine Bekanntheit weit geringer, wenn nicht Goebbels Propgandisten mit einer in ihren Augen zu freundlichen Einstellung gegenüber den Amerikaner konfrontiert worden wären.

In Teilen der Öffentlichkeit war man nämlich der Meinung, dass die Amerikaner und Briten schon nicht so schlimm seien. Zumindest viel besser als die "Russen". Mitunter wurde sogar die Ansicht geäußert, man solle sich lieber schnell den Amerikanern ergeben, statt zu kämpfen und dann den Sowjets in die Hände zu fallen.

Da kamen die Pläne aus Amerika gerade recht. Wobei man unterstellen darf, dass man im Propagandaministerium schon etwas erfunden hätte, hätte es die Pläne nicht gegeben.

Dass sie bis heute fast jeder Deutsche kennt könnte auch noch einen anderen Grund haben. Nämlich den, dass man es angesichts des Wütens der Deutschen zwischen 1933 und 1945 kaum glauben kann, so glimpflich davon gekommen zu sein.